Soziokratie versus Holacracy
13 Jun 2015

Soziokratie versus Holacracy

Vergleicht man das Soziokratiemodell mit Holacracy, dann wird einem schnell

13 Jun 2015

Vergleicht man das Soziokratiemodell mit Holacracy, dann wird einem schnell bewusst, dass die zugrundeliegende Philosophie und Architektur von Holacracy und der Soziokratie nahezu identisch sind. Viel interessanter ist jedoch die Frage, worin sich diese zwei Modelle unterscheiden?

Durchstöbert man das Internet nach Holacracy-relevanten Themen, findet man im Verhältnis nur wenige Hinweise und Links zur Soziokratie. Dies ist umso erstaunlicher, als in den soziokratischen Prinzipien, die Architektur und die Wirkweise von Holacracy vorweg genommen wird.

Das Soziokratie-Modell wurde bereits 1945 als organisationales Lenkungssystem in den Niederlanden entwickelt, um die egalitären Prinzipen der Quäker auch für säkulare Organisationen nutzbar zu machen. Der Holländische Ingenieur Gerard Endenburg adaptierte dann 1960 das Soziokratiemodell und erweiterte es um kybernetische Prinzipen der Steuerung und Kontrolle um es erfolgreich in seiner Endenburg Elektrotechnikfirma anzuwenden. Mittlerweile ist daraus eine Soziokratiebewegung entstanden, die sich von Holland, Deutschland, Frankreich bis nach Amerika ausgedehnt hat. Die vier soziokratischen Prinzipien lauten wie folgt:

  1. Konsentprinzip (Entscheiden im Konsent)
  2. Kreisorganisation
  3. Doppelte Koppelung
  4. Soziokratische Wahl

Wenn beide Organisationsmodelle auf den selben Prinzipien basieren, worin unterscheiden sie sich denn?

In der Organisation der Arbeit
In der soziokratischen Kreissitzung werden all jene Themenbereiche behandelt, die politischen oder strategischen Grundsatzcharacter haben und die gelöst werden müssen um u.a. die Zusammenarbeit, die Zielklarheit oder die kollektive Sinnstiftung zu fördern. Die Grundsatzentscheidungen werde im Konsentprinzip gefällt, die detaillierte Ausführung jedoch wird delegiert. Die Ausführung einer Grundsatzentscheidung wird den verantwortlichen Teams und Individuen überlassen. Somit organisiert Soziokratie Grundsatzentscheidungen, nicht jedoch die Arbeit selbst. Auch mit Holacracy werden Entscheide in Kreissitzungen gefällt. Holacray unterscheidet jedoch zwei Formen von Kreissitzungen, die Governance Meetings (Steuerungsmeetings) und Taktische Meetings. In den Governance Meetings geht es darum, Rollen, Richtlinien und Subzirkel zu definieren, zu verändern oder aufzulösen und um Wahlen betr. den Rollen Moderator, Sekretär und Replink durchzuführen. Die konsequente Durchführung der Lenkungssitzungen zeigt Rollenkonflikte auf, differenziert zwischen Rollen- und Beziehungskonflikten, führt zu geklärten Verantwortlichkeiten und bildet die Grundlage für autonomes, selbstverantwortliches Arbeiten in Zirkelstrukturen. Der Zweck der taktischen Sitzungen ist es, operative Daten und Informationen auszutauschen, Fortschritte zu berichten und „Spannungen“ in nächste Schritte und Projekte zu überführen. Somit organisiert Holacracy auch die Arbeit selbst, in dem sie in den taktischen Meetings die Prinzipien von „Get things done“ anwendet.

In der Rigidität der integrativen Entscheidungsfindung
Die Soziokratie nutzt einen pragmatischen dreistufigen Entscheidungsprozess, der je nach Bedürfnis mehrere Male iterierend durchlaufen werden kann, bis ein Konsent – eine Einigung ohne schwerwiegend argumentierten Einwand – erzielt wird. In Holacracy wird das Konsentprinzip ebenfalls verwendet, jedoch verläuft der Entscheidungsprozess über 6 Stufen und wird als Integrative Entscheidungsfindung bezeichnet. Besonders die Einwandbehandlung wird nach rigieden Regeln durchgeführt und lässt keine Diskussion zu. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass es sehr effektiv ist, solange Transparenz über den Kreis- und Rollenzweck existiert. Es verhindert Ego-Shooter-Verhalten, da Einwände einen messbar negativen Einfluss auf die eigene Rolle oder das Unternehmen haben müssen. Der Nachteil dieses Vorgehens liegt in der „reinen“ Sachorientierung, bei der sich Kreisteilnehmer schnell nur noch als Produktionsmittel und nicht mehr als beteiligte Menschen fühlen.

In der Nutzung von Software
HolcacracyOne (das Beratungsunternehmen von Brian Robertson) bietet mit Glassfrog eine Software-Applikation an, um alle in Holacracy ablaufenden Prozesse, Rollen, Verantwortlichkeiten, Aktivitäten und Projekte einfach, benutzerfreundlich und effektiv zu bewirtschaften und zu steuern.

In der Rollenmacht der Kreismitglieder
Im Gegensatz zur Soziokratie definiert Holacracy auch die operative Rollen der Kreismitglieder. Diese umschreiben dem Rolleninhaber nicht nur die Intention und Existenzberechtigung der Rolle, sondern geben ihm auch eine Identität. Der Zweck der Rolle umschreibt das ultimative Endresultat das durch die Rolle erwirkt wird. Dabei wird der Zweck auch gerne als „Slogan“ oder Werbespruch formuliert, um die Indentifizierung und den Umgang mit der Rolle zu erleichtern. Solche Werbesprüche könnten z.B. wie folgt lauten „Schutzpatron des Unternehmenswerts“ für eine finanzorientierte Rolle oder „Logistik die fließt“ für eine logistikorientierte Rolle. Jedes Individuum kann eine oder mehrere Rollen ausfüllen. Die Rolleninhalte sind selten von Beginn weg definiert oder vollständig, sondern werden immer dann wieder neu geklärt, wenn aufgrund von Spannungen oder unklarer Zuständigkeiten Konflikte zwischen Rollen entstehen. Sowohl Holacracy als auch die Soziokratie nutzt in Kreissitzungen zusätzliche Rollen wie z.B. Sekretär, Modrator, Repräsentant oder Leader.

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