Wie finden wir den für uns passenden Weg in die Agilität? Eine mögliche Herangehensweise an diese Frage ist die Auseinandersetzung mit der Werkzeugkiste des agilen Arbeitens, d.h. mit den agilen Prinzipien, Praktiken und Methoden.

Mithilfe von agilen Prinzipien legen agil agierende Organisationen und Teams die aus ihrer Sicht wichtigsten Handlungsmaximen für alle Beteiligten fest. Sie sind die Leitplanken für den Einsatz von agilen Praktiken und Methoden. Agile Praktiken werden eingesetzt, um die Umsetzung agiler Prinzipien im Rahmen einzelner Aktivitäten wie zum Beispiel eines Meetings zu ermöglichen bzw. zu fördern (zum Beispiel sog. Daily Stand-ups). Agile Methoden vereinen verschiedene agile Praktiken zu einem Framework, das die Durchführung ganzer Prozesse oder Projekte nach agilen Prinzipien unterstützt.

Aus unserer Erfahrung eignen sich die agilen Prinzipien sehr gut, um eine erste agile Landkarte zu erstellen und den Dialog über den “optimalen Weg in die Agilität” zu fördern. Aus der Software-Entwicklung kennen wir zwölf agile Prinzipien. Diese zwölf Prinzipien haben Olavarria & Borggräfe (2019) auf den Unternehmenskontext angepasst und in fünf Kategorien zusammengefasst:

Adaption Workflow Kommunikation Organisation Entwicklung
Wir agieren nach dem Prinzip der fort-laufenden Anpassung unserer Planung und Vorgehensweise an äussere Einflüsse und eigene Erkenntnisse. Wir agieren nach dem Prinzip, aktiv die besten Rahmenbedingungen für wertschöpfende Prozesse zu schaffen. Wir agieren nach dem Prinzip der grösst-möglichen Transparenz und Lösungskompetenz durch direkte, dialogische Kommunikation. Wir agieren nach dem Prinzip der selbst-organisierten Teams. Wir agieren nach dem Prinzip der Förderung der intrinsischen Motivation aller Beteiligten.
Wir streben nach kontinuierlicher Verbesserung.Wir beobachten fortlaufend unser Umfeld und reflektieren unser eigenes Vorgehen und Verhalten regelmässig.Wir gehen iterativ, Schritt für Schritt, vor und entwickeln Lösungen für interne und externe Kunden inkrementell. Wir schaffen Einfachheit durch eine konsequente und nutzen-orientierte Priorisierung.Wir streben nach Leistung und Qualität durch aus Limitierung entspringender Fokussierung.Wir schaffen eine nachhaltig hohe Leistung durch Eliminierung von Verschwendung und einen stetigen Arbeitsfluss. Wir schaffen Transparenz durch ständige Vermittlung des Kontexts und der Ziele.Wir schaffen Transparenz durch die Sichtbarmachung von Aufgaben.Wir überwinden Hindernisse aktiv und schnellstmöglich durch direkte Kommunikation zwischen den Beteiligten. Wir bilden wo immer sinnvoll funktionsüber-greifende Teams zur Betrachtung des Ganzen.Wir bilden bevoll-mächtigte Teams, die entscheiden, wer was wann wie durchführt.Wir arbeiten auf Basis einer akzeptierten, nicht einer zugewiesenen Verantwortung. Wir streben danach, das Lernen in unserer Organisation zu verstärken und zu verstetigen (beständiges Lernen).Wir gestalten Prozesse so, dass wir mit dem Kunden lernen.Wir führen wachstumsorientiert und schaffen die  bestmöglichen Rahmenbedingungen für die intrinsische Motivation aller Mitarbeitenden

Bereits die Vielzahl der agilen Prinzipien kann verwirrend wirken: Welche Prinzipien sind für unser Unternehmen relevant? Welche helfen uns auf dem Weg zu mehr Beweglichkeit und Adaptionsfähigkeit?

Wer also einen Weg hin zu mehr Agilität finden möchte, tut sich gut daran, zunächst seinen Entwicklungsbedarf zu klären. Hierbei hilft das Schema des amerikanischen Soziologen Talcott Parsons. Er hat in den 1950iger-Jahren vier Funktionen benannt, die ein soziales System wie ein Unternehmen erfüllen muss, um seine Existenz dauerhaft zu erhalten. Überraschenderweise hat Parsons sein Modell der existenzsichernden Funktionen «AGIL-Schema» genannt:

  • Adaption = Anpassungsfähigkeit,
  • Goal Attainment = Zielerreichung,
  • Integration = Zusammenhalt schaffen und
  • Latency = ständige Aufrechterhaltung und Erneuerung (Induktion) von Werten.

Das spannende an diesem Schema ist, dass es uns durch Fragen an unsere Entwicklungspotentiale  heranführt und diese in Beziehung zu den agilen Prinzipien setzt. Mit Hilfe dieses AGIL-Schemas kann die Relevanz agiler Prinzipien für das eigene Unternehmen bestimmt und so Wege zu mehr Agilität gefunden werden.

Adaption (Anpassungsfähigkeit)

  • Welche Prinzipien leiten unser Handeln heute? Welche davon mindern unsere Anpassungsfähigkeit an Entwicklungen in unserem Umfeld?
  • Durch welche agilen Prinzipien sollten wir diese ersetzen, um unsere Anpassungsfähigkeit zu steigern?

Goal Attainment (Zielerreichung)

  • Welche Prinzipien, die heute unser Handeln leiten, hindern uns an einer bestmöglichen Zielerreichung?
  • Durch welche agilen Prinzipien sollten wir diese ersetzen, um unseren Zielerreichungsgrad zu steigern?

Integration (Zusammenhalt)

  • Welche Prinzipien, die heute unser Handeln leiten, hindern uns an einem angemessenen Zusammenhalt / an einer optimalen Zusammenarbeit?
  • Welche agilen oder alternativen Prinzipien würden unseren Zusammenhalt / unsere Zusammenarbeit besser fördern?

Latency (Induktion von Werten)

  • Welches Mass an Erneuerung unserer grundlegenden Strukturen und Wertmuster wäre erforderlich, um ein aus unserer Sicht angemessenes Niveau der Agilität zu erreichen?
  • Welche agilen Prinzipien könnten wir implementieren, ohne unsere grundlegenden Wertmuster zu stark aufzubrechen?

Indem Führungskräfte diese Fragen für ihr Unternehmen oder ihren Bereich beantworten, entwickeln sie Thesen, welche agilen Prinzipien in ihrem Fall relevant sind. Dies ist eine wichtige Basis, um sich auf den Weg zu machen und ausgewählte agile Prinzipien stärker im Unternehmen zu verankern.